Schauer

Als er seine Hand aus dem fahrenden Auto hält, ergießt sich ein greller Schauer über ihn. Ungeschönt drehen sich die Windräder, immer, immer. Der Mann am Steuer des LKW‘s neben ihm starrt ihn herausfordernd an. Der Totenkopf mit Rotwein am Anschlag lächelt wissend. Eine Perlenkette unberührter Neuwagen. Die Sträucher nuscheln vom Qualm. Sein Blut kocht über und er weiß, warum. Schilder, Schilder, Schilder. „Lass sie gehen“, denkt er. Die Wahrheit kribbelt in seinen Fingergelenken. Dann schließt er das Fenster.

Eine Frau sitzt neben ihm am Steuer. Er sieht sie kurz an, dann wieder geradeaus. Es ist völlig still. Das Motorengeräusch gibt es nicht. „Ich habe ihr einen Haufen Zeitschriften gekauft. Einpaar so richtig bescheuerte. Wo man nicht denken muss. Ablenkung“, hört er.  Er fühlt sich fiebrig. Seine Füße schwitzen. Er muss ihr sagen, dass seine Mutter jetzt keine Ablenkung braucht. Es ist unmöglich, sich von so etwas abzulenken. Erst recht nicht mit Diät-Tipps und Promi-Tratsch. Er muss ihr sagen, dass er das nicht mehr aushält. Alles. Und wie sie immer denkt zu wissen, was alle brauchen. Er presst die Lippen unsichtbar zusammen und atmet lang durch die Nase ein. Er wollte seiner Mutter einen sehr dicken Roman schenken. Das Ausatmen wäre zu laut. Also tut er es unauffällig in einer Bewegung. Er dreht sich nach hinten, wo auf dem Rücksitz eine lächerlich liebevoll gepackte Tüte steht. Er zieht eine Zeitschrift heraus und liest so lange, bis das Klicken des Blinkers ihn erschreckt. Sie nimmt die Ausfahrt. Er lässt sich gehen.