Schauer

Als er seine Hand aus dem fahrenden Auto hält, ergießt sich ein greller Schauer über ihn. Ungeschönt drehen sich die Windräder, immer, immer. Der Mann am Steuer des LKW‘s neben ihm starrt ihn herausfordernd an. Der Totenkopf mit Rotwein am Anschlag lächelt wissend. Eine Perlenkette unberührter Neuwagen. Die Sträucher nuscheln vom Qualm. Sein Blut kocht über und er weiß, warum. Schilder, Schilder, Schilder. „Lass sie gehen“, denkt er. Die Wahrheit kribbelt in seinen Fingergelenken. Dann schließt er das Fenster.

Eine Frau sitzt neben ihm am Steuer. Er sieht sie kurz an, dann wieder geradeaus. Es ist völlig still. Das Motorengeräusch gibt es nicht. „Ich habe ihr einen Haufen Zeitschriften gekauft. Einpaar so richtig bescheuerte. Wo man nicht denken muss. Ablenkung“, hört er.  Er fühlt sich fiebrig. Seine Füße schwitzen. Er muss ihr sagen, dass seine Mutter jetzt keine Ablenkung braucht. Es ist unmöglich, sich von so etwas abzulenken. Erst recht nicht mit Diät-Tipps und Promi-Tratsch. Er muss ihr sagen, dass er das nicht mehr aushält. Alles. Und wie sie immer denkt zu wissen, was alle brauchen. Er presst die Lippen unsichtbar zusammen und atmet lang durch die Nase ein. Er wollte seiner Mutter einen sehr dicken Roman schenken. Das Ausatmen wäre zu laut. Also tut er es unauffällig in einer Bewegung. Er dreht sich nach hinten, wo auf dem Rücksitz eine lächerlich liebevoll gepackte Tüte steht. Er zieht eine Zeitschrift heraus und liest so lange, bis das Klicken des Blinkers ihn erschreckt. Sie nimmt die Ausfahrt. Er lässt sich gehen.

Bis zum Morgen

Ich kann die Seiten vor mir sehen. Ich weiß förmlich, wie sie aussehen werden, die Seiten, auf die ich morgen früh stolz sein werde. Ich kann sogar das Geräusch hören und die Vibration fühlen von dem warmen Kratzen des weichen Bleistifts auf dem gekörnten Papier. Kann die ausgeklügelten Geschichtenstränge sich flechtend erahnen. So dämmere ich ein. Mit dem Wissen von dem Potential in mir, und träume von Sex bis zum Morgen.

Tatendrang

Ungemütlich angetrunken vom bitteren Schwarztee beuge ich mich über die verstaubte Tastatur. Für einen Moment lang denke ich darüber nach, den Tee aus meinem Mund in die staubigen Ritzen zu spucken, um sie dann mit einem Taschentuch sauber zu wischen. Doch mir wird klar, dass mich Nässe im Inneren meines Laptops in eine tiefe Lebenskrise stürzen könnte. Das Beste, was ich tun kann ist also, alles so zu belassen.

Tinder

Der Strandwind lässt das sture Haar der Meerjungfrau in Öl erstarren. Der Kamm knackt gemütlich zwischen den Strängen von Salz. Es rieselt wie früher im Winter. Etwas plumpst in Wasser. Die junge Frau sitzt unter dem verblichenen  Plakat , ein durch grobe Rasterpunkte nachgebildetes Motiv des Gemäldes von Waterhouse, auf der Toilette. Der Plopp und das rauschige Brummen der Lüftung entspannen sie genauso wenig wie das Scheißen. Ungeduldig und leidenschaftlich oberflächlich wischt sie fremde Männergesichter aus ihrem Leben und ergötzt sich an dem Gefühl, jeden haben zu können. Die schönste Akkordarbeit der Welt ist das, denkt sie, während ihr die Finger einschlafen.